News aus Regensburg, 02. Dezember 2014

Fußball ist ein bisschen gefährlich

Internationale Experten erörtern an der Fifa-Klinik Regensburg Möglichkeiten, das Verletzungsrisiko im Fußball zu mindern.

 

Regensburg. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat in Brasilien nicht nur einen Titel gewonnen, sondern auch jede Menge Anschauungsmaterial geliefert – aus ärztlicher Sicht. Christoph Kramers Knockout im Finale gegen Argentinien oder Bastian Schweinsteigers stark blutender Cut auf der Wange sind durchaus eine eingehende medizinische Betrachtung wert. Rund 100 Experten aus aller Welt nahmen bei einem zweitägigen Symposium an der Fifa-Klinik am Universitätsklinikum Regensburg die entsprechenden Videosequenzen nochmals in Augenschein. Helmut Hoffmann, der sportwissenschaftliche Leiter am „Eden Reha“ von Nationalmannschafts-Physiotherapeut Klaus Eder in Donaustauf, brachte das Dilemma auf den Punkt: „Fußball ist nun mal ein bisschen gefährlich. Das ist nicht das Hin- und Herschieben von Pralinen.“

 

Prävention steht im Mittelpunkt

Umso wichtiger ist die Vorbeugung. Und so stand das Thema Prävention im Mittelpunkt des Kongresses. Der Stand der Forschung ist dabei schnell umschrieben: Spezifische Aufwärmprogramme können das Risiko schwerer Blessuren am Sprunggelenk, am Knie oder an der Leiste deutlich mindern, um 30 bis 50 Prozent, in einzelnen Fällen sogar um mehr als die Hälfte. Zumindest gilt dies für die sogenannten Nicht-Kontakt- Verletzungen. „Rennunfälle“, wie es Werner Krutsch, der ärztliche Koordinator der Fifa-Klinik, formuliert, sind indes nie auszuschließen. Soll heißen: Wenn ein Gegenspieler mit gestrecktem Bein und voller Wucht das Kniegelenk trifft, ist nicht nur der bei Profis so gefürchtete Riss des vorderen Kreuzbandes nie ausgeschlossen. Im Jahr 2013 hatten sich die Sportmediziner in Mailand versammelt, 2015 treffen sie sich in London. Das fünfjährige Bestehen der Fifa-Klinik war der passende Anlass für den Erfahrungsaustausch in Regensburg. Im Namen des Fußball- Weltverbandes überbrachte der Schweizer Sportwissenschaftler Mario Bizzini „beste Grüße aus Zürich“ und lobte die Anstrengungen hierzulande. Rund 1300 Übungsleiter wurden in den vergangenen Jahren mit den Aufwärmprogrammen vertraut gemacht. Ein Aspekt ist dabei nicht zu vernachlässigen: Schwere Verletzungen im Fußball verursachen gewaltige Kosten.

 

Prof. Dr. Peter Angele moderiert

In einer von Prof. Dr. Peter Angele, dem Leiter der Fifa-Klinik, moderierten Podiumsdiskussion am Uniklinikum zogen die Beteiligten Bilanz. Der frühere Bayern-Profi Frank Wiblishauser betreibt heute in Memmingen eine Naturheilpraxis. Diverse verletzungsbedinge Zwangspausen verhinderten eine große sportliche Laufbahn. „Ein Kreuzbandriss kann für einen Spieler, dessen Vertrag ausläuft, einen extremen Karriereknick bedeuten. Die Angst steckt im Hinterkopf. Man versucht sie zu verdrängen, aber das funktioniert nicht immer.“

 

Genügend Zeit für Rehabilitation

Wolfgang Bunz aus Ulm, einer der Physiotherapeuten der Nationalmannschaft, plädierte eindringlich dafür, verletzen Profis genug Zeit für die Rehabilitation einzuräumen – trotz des immensen Erfolgsdrucks in der Branche, der Trainer und Vereinsobere auf die vorschnelle Rückkehr der Stars auf den Platz drängen lässt. „Es tut sich was. Es ist eine Entwicklung zu sehen, auf geeignete Aufwärmprogramme zu achten - auch im Amateurfußball“, meinte Thomas Schneider, der neue Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. Dies erkennt auch Michael Nerlich an, der Leiter der Unfallchirurgie am Uniklinikum. Doch es bleibe noch Luft nach oben. „Prävention ist im Fußball ganz wesentlich. Und man hat noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft“, resümierte er.

                 

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Text: Heinz Gläser, Mittelbayrische Zeitung

Fotos: Brüssel