News aus Straubing, 12. April 2018

Volles Haus im sporthopaedicum

200 Besucher verfolgen gespannt den Vortrag zum Thema "Volkskrankheit Kniegelenksverschleiß" von Dr. Eichhorn und Dr. von Roth

 

Kniegelenksarthrose

 Die Operation muss die letzte Option sein!

 

 

Die Anzahl von Kniegelenksimplantationen hat sich in Deutschland in den letzten Jahren stabilisiert. Entgegen dem Trend werden im Raum Regensburg und Straubing weiter überdurchschnittlich viele Knieprothesen eingesetzt. Die Entscheidung zur Operation fällt der Patient immer gemeinsam mit dem behandelnden Orthopäden. Um jedoch eine Entscheidung für oder gegen eine Operation fällen zu können, muss der Patient im Sinne des sogenannten „shared-decision-making“ (engl., Patient und Arzt verantworteten gemeinsam eine angemessene medizinische Behandlung) über eine anstehende Behandlung detailliert informiert sein. Dr. Jürgen Eichhorn und PD Dr. Philipp von Roth veranstalteten am 11.4.18 eine Veranstaltung zum Thema „Volkskrankheit Kniegelenksverschleiß - Aktivität und Lebensqualität zurückgewinnen“ um die Wissenslücke zwischen Arzt und Patient zu verkleinern. Die Veranstaltung war für 100 Gäste geplant – gekommen waren allerdings über 200 Gäste.

 

Der Abend war in zwei Teile gegliedert. In einem ersten Vortrag erläuterte Dr. Jürgen Eichhorn die nicht-operativen Behandlungsmöglichkeiten der Kniegelenksarthrose. Der Experte betont, dass die Arthrose nicht zwingend schmerzhaft sein muss: „Das Röntgenbild allein sagt noch nichts über die Beschwerden des Patienten aus.“ erläutert Dr. Eichhorn.

Nach Dr. Eichhorn kommt der in unseren Breitengraden zunehmenden einseitigen mangelhaften Ernährung eine entscheidende Bedeutung bei der Entstehung und damit auch Therapie des Kniegelenksverschleißes zu. Die fehlerhafte Ernährung führt durch das entstehende Übergewicht und die daraus resultierende gesteigerte Belastung zum Untergang der Knorpelsubstanz. Ein leichtes Stolpern führt zu einer Stoßbelastung auf den Knorpel die das etwa 10-fache des Körpergewichts beträgt. Bei einem 100kg schweren Patienten muss der Knorpel die Kraft von bis zu einer Tonne Belastung auffangen. Somit resultiert schon eine geringe Verringerung des Körpergewichtes von 1kg in einer Reduktion der Kräfte auf das Knie um 10kg.

Auch der ph-Wert des Blutes, der durch die Mangelernährung meist erniedrigt wird, kann Einfluss auf die Beschwerden nehmen. Nach Dr. Eichhorn gibt es Hinweise, dass auch der Abbau der Schmerzbotenstoffe durch Übergewicht und einen niedrigen ph-Wert negativ beeinflusst werden und Schmerzsignale so länger bestehen bleiben. Eine überwiegend basische Ernährung kann helfen den ph-Wert anzuheben und die Schmerz-Entstehung, -Weiterleitung und -Verarbeitung positiv zu modifizieren.

Um einen Kniegelenksverschleiß zu vermeiden oder abzumildern liegt ein besonderer Fokus auf der Kräftigung der Muskulatur und dem Erhalt der Beuge- und Streckfähigkeit. „Eine Chance auf Erfolg und Vermeidung einer Operation besteht nur, wenn der Patient die Diagnose annimmt und „maximal angreift“!“ betont Dr. Eichhorn in seinen Ausführungen. Im Anschluss zeichnet Dr. Eichhorn die Grundzüge der medikamentösen Therapie und Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) und ging dann auf die alternativen Heilmethoden wie die Akupunktur, die Triggerpunktbehandlung und die Fußzonenreflexmassage ein. Beim Thema Spritzenbehandlung erläuterte Dr. Eichhorn anhand aktueller Literatur die Wertigkeit von Cortison, Hyaloron und dem zuletzt eingeführten plättchenreichen Plasma (engl. Platelet-rich-plasma, PRP). Letztgenanntes Verfahren zeigt in ersten Studien Vorteile gegenüber der alleinigen Anwendung von Hyaloron.

 

In der Zusammenfassung weist der Experte darauf hin, dass die Prothesenvermeidung nur mit Disziplin und Eigeninitiative möglich ist.

 

Nach dem Ende seines Vortrages stellte Dr. Eichhorn dem Publikum seinen neuen Kollegen PD Dr. med. Philipp von Roth vor. PD Dr. med. Philipp von Roth wechselte am 1.4.2018 von der Charité-Universitätsmedizin Berlin an das sporthopaedicum Straubing und Regensburg. An der Charité leitete er bis zuletzt die Abteilung für Kniegelenksersatz und gilt national und international als anerkannter Experte auf diesem Gebiet.

 

PD Dr. von Roth übernahm den „Staffelstab“ von Dr. Eichhorn und informierte das Publikum über in die Therapiemöglichkeiten des Endstadiums des Kniegelenkverschleißes. Erst wenn die nicht-operative Therapie über längere Zeit ohne Erfolg und ist die Lebensqualität des Patienten substantiell eingeschränkt, kann nach Dr. v. Roth die operative Therapie in Erwägung gezogen werden. Im Weiteren wurden gelenkserhaltende Operationen wie die Arthroskopie und die Umstellungsosteotomie erläutert. Ist dies nicht möglich, kann der Ersatz der Gleitflächen notwendig sein. Im Fachjargon wird dann von der Implantation einer Teil- oder Totalprothese gesprochen. Dr. v. Roth betont immer wieder, dass den Zeitpunkt zu einem endoprothetischen Eingriff immer der Patient selbst durch seinen Leidensdruck bestimmt:

 

„Die Entscheidung zur Operation trifft der Patient immer selber!“

 

Wenn sich der Patient nach eingehender Beratung gemeinsam mit dem behandelnden Arzt für die Implantation einer Knieprothese entschieden hat, kommen laut Dr. v. Roth drei Punkten eine besondere Bedeutung zu

 

 

1. Spezialisierung und Erfahrung des Operateurs

2. Wahl des Implantates und Optimierung der Abläufe in der Operation

3. Postoperative Rehabilitation und der Wille des Patienten

 

 

 

à Spezialisierung und Erfahrung des Operateurs

Die Voraussetzung für eine gute Funktion und ein langes Überleben der Endoprothese ist laut aktueller wissenschaftlicher Literatur eine hohe Spezialisierung und Erfahrung des Operateurs. Das englische Endoprothesenregister überwacht jeden Patienten mit einer in England implantierten Endoprothese. Die Auswertung der Registerdaten hat ergeben, dass Patienten mit einer Endoprothese, die von einem hochspezialisierten Operateur eingesetzt wurden, sich im Laufe Ihres Lebens signifikant seltener einer erneuten Operation an dem ersetzen Gelenk unterziehen müssen. „Bevor Sie sich einer Knieprothesenoperation unterziehen, sollte sie danach fragen, wie häufig der Operateur diesen Eingriff bereits durchgeführt hat.“ forderte Dr. v. Roth das Publikum auf.

 

àWahl des Implantates und Optimierung der Abläufe in der Operation

Im folgenden Teil des Vortrages kritisierte Dr. v. Roth die Verwendung von neuen zumeist gering untersuchten Prothesen. Hierzu führt er aus, dass der überwiegende Teil der nach 2005 entwickelten Prothesen in den Studien nicht besser als die bisherigen Modelle und einige Prothesen sogar schlechtere Ergebnisse gezeigt hätten. Dr. v. Roth empfahl Prothesen, die unter 5 Jahre verfügbar sind, mit großer Vorsicht zu verwenden. Das Argument „Individualisierung“ sei zuletzt häufig von der Prothesenindustrie als Marketingtool eingesetzt worden um Patienten von der Verwendung der jeweiligen Prothese zu überzeugen. Diese Prothesen sind laut Dr. v. Roth häufig erst seit kurzem Verfügbar und wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht. Er empfiehlt auf bewährte Modelle zu setzen, zu denen belastbare wissenschaftliche Daten zur Langzeithaltbarkeit verfügbar sind. Dr. v. Roth präsentierte dann wissenschaftliche Daten die helfen können die Prozesse der Operation zu optimieren und dazu beitragen den Patienten mit geringerer Kreislaufbelastung schneller zu mobilisieren.

Ein eigener Teil des Vortrages beschäftige sich mit dem Infektionsrisiko von Knieprothesen. Nach Dr. v. Roth beträgt das Infektionsrisiko bei der Erstoperation einer Knieprothesenoperation etwa 0,7%. Das Risiko wirke zwar klein – für den Betroffenen sei die Diagnose jedoch eine Katastrophe. Studien konnten zeigen, dass der psychische Zustand von Patienten mit einer Protheseninfektion dem Zustand von Patienten mit einer Krebsdiagnose gleicht.

 

„Die beste Therapie der Infektion ist ihre Vermeidung!“ hebt Priv.-Doz. Dr. von Roth hervor.

 

Dr. v. Roth führte dazu aus, dass die meisten Infektionen durch die Keime ausgelöst werden, die auf der Haut des Patienten leben. Ein wichtiger Beitrag zur Infektvermeidung muss demnach die Dekontamination der Haut sein. Der Patient selbst könne vor einer Operation mit speziellen Wasch-Sets vor der Operation, am Tag der Operation und am ersten postoperativen Tag das Risiko einer Wundinfektion signifikant senken. Neben der Gabe von Antibiotika ist auch die Verwendung von desinfizierenden Folien, die während der Operation auf die Haut des Knies geklebt werden, sowie die Verwendung von speziellen OP-Anzügen, die einem Raumanzug gleichen, sind mögliche Optionen zur Infektvermeidung.

 

à Postoperative Rehabilitation und der Wille des Patienten

Dr. v. Roth schätzt, dass fünfzig Prozent des Behandlungserfolges einer Knieprothesenoperation in der postoperativen Rehabilitation stecken. Hierfür spiele eine physiotherapeutische Beübung des Kniegelenkes nach der Operation eine entscheidende Rolle um eine Vernarbung des Gelenkes, die unmittelbar nach der Operation einsetzen kann, zu vermeiden. Dr. v. Roth hob hervor, dass der Wille der Patienten das allesentscheidende für eine erfolgreiche Operation sei und nahm an dieser Stelle den Faden von Dr. Eichhorn auf, der seinen Vortrag ebenfalls mit diesen Worten als Fazit zur nicht-operativen Therapie geschlossen hatte.

 

Nach den beiden Vorträgen entstand eine ungewöhnlich rege Diskussion der beiden Sprechenden mit dem Publikum. Durch die enorme Zahl an Teilnehmern und deren Fragen musste die Veranstaltung jedoch gegen 22 Uhr beendet werden. Offene Fragen boten die beiden Experten an in Ihren jeweiligen Spezialsprechstunden zu beantworten.